Mittwoch, 9. Juni 2010

Sommer, Sonne, Sonnenbrand...

09.06.2010 - Tag 48
Bad Schussenried - Weingarten
7 h - 33 km

Gleich morgens am Ortsrand von Bad Schussenried sehe ich wieder die Alpen vor mir, diesmal ohne Zweifel. Nicht irgendein Schatten hinten am Horizont, sondern richtig, mit Schnee obendrauf. Ich setze mich einen Moment hin und muß schmunzeln. Wie vertraut dieser Anblick eigentlich ist und wie besonders in diesem Fall...

Es ist noch wärmer, noch schwüler, noch sonniger als gestern. Wieder die Frage: Wann bin ich endlich im Wald? Heute sind es fast 3 Stunden, bevor ich endlich etwas Schatten bekomme. Die links abgebildete Bank, obschon mit schöner Aussicht aufwartend, verschmähe ich selbstverständlich. Mein Hirn ist auch so bereits schön weichgekocht...

Beim Abstieg ins Tal quengelt in mir schon die Vorfreude... Seit Tagen fährt immer wieder das altbekannte Kinderlied von der Schwäbsche Eisebahne durch meinen Kopf, im Refrain werden die Bahnhöfe "Stuttgart, Ulm und Biberach, Meckebeure, Durlesbach" genannt. Unten im Tal liegt Durlesbach, ein von mir besonders geschätzter Ortsname, weil man ihn so schon verschwäbeln kann. Und putzigerweise besteht Durlesbach aus genau 1 Bahnhofsgebäude und 3 Häusern. Ende. Sonst nix. Idyllenschwerpunkt Talbahnhof.
Den Schussentobel, ein enges Tal, entlang nach Mochenwangen. Ich liebe Talwanderungen, zusätzlich werden sehr schöne Informationstafeln zu Geschichte, Wirtschaft und Verkehr des Tals serviert, nebenher plätschert der Bach. Auf dem anderen Ufer gibt es einen nassen Polterplatz (wer DAS ohne Google weiß, hat einen gut bei mir!) und ich überlege, ob ich ein bißchen kreischend unter den Beregnungsanlagen hin und her laufen soll. Naja... Am Ende des Tals lerne ich, wie viele Gerüche eine Papierfabrik produzieren kann. Und wieviele davon gut riechen - nämlich genau einer. Der Geruch von frischem Holz. Ansonsten riecht eine Papierfabrik abwechselnd und überwiegend nach Kläranlage mit Blähungen, fauligem Wasser, überhitztem Sägeblatt und ähnlichem Würg. Wieder was gelernt.

Am Himmel machen sich schon fette Wolken bereit, ich äuge jede Stunde immer mal vorsichtig hinter mich - der Wind hat heute schon so oft gedreht, daß ich ihm nichts mehr glaube.

Im Wald ist mal wieder eine Wanderkarte zu Ende, ich falte sie zusammen und hole eine Neue aus dem Rucksack. Die Letzte. So viele Karten habe ich rausgeholt, abgegriffen und wieder weggesteckt - mit dieser wird es ein Ende haben. Ich sitze auf einem Holzstapel und versuche, im Geiste nochmal die Route nachzuvollziehen: Es gelingt nicht. Die einzelnen Tage verschwimmen zu Regionen, die Regionen verschwimmen zu Bundesländern.

Die letzten zwei Stunden durch sonnenbeschienene Wohngebiete. Baindt, Baienfurt, Weingarten. Geschlossene Jalousien, Garagentore, Vorgärten. Kein Mensch, kein Laut, keine Bewegung. Und überall riecht es nach Duschgel und frisch gemähtem Rasen. Zurück in der durchsiedelten Landschaft, der immergleiche Rhythmus aus Gewerbegebiet, Sportplatz, Wohngebiet, Gewerbegebiet, Sportplatz, Wohngebiet. Ich kann keine Vororte mehr sehen, keine Neubaugebiete. So viel Gleiches, so viele verzweifelte Individualiserungsversuche, so viel schon gesehenes. West und Ost haben sich - zumindest was die Wohnhäuser angeht - auf erschreckende Weise angenähert. Plattenbauten kann der Westen auch (siehe oben: Baienfurt). Und überall schlimme Neubauten, die in einigen Jahren genauso widerlich aussehen werden, wie die 70er-Jahre-Bauten der oberschwäbischen Vorstädte, die ich heute durchquere.

Endlich angekommen, zerfließe ich glücklich in der Kühle meines Zimmers, lasse die Rolladen herunter, genieße die Dunkelheit nach all der Sonne und dusche mir den Schweiß des Tages von der Haut. Als ich dann beim Abendessen im Biergarten sitze, rieche ich nach Duschgel. Und bestimmt auch ein bißchen nach frisch gemähtem Rasen.

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